Erich Reuters Vorfahren stammten aus dem dörflichen
Milieu Ostpreußens, ursprünglich als glaubensverfolgte
Protestanten aus Österreich eingewandert.
Er selbst kam 1911 in Berlin-Charlottenburg
zur Welt als jüngster von drei Brüdern, einer davon
der erst unlängst verstorbene Spanienkämpfer, Kriegskorrespondent
und Dokumentarfilmer Walter
Reuter, der seit 1940 in Mexiko wirkte.
Nach Abgang vom Köllnischen Gymnasium (Berlin-Mitte)
Beginn einer Steinmetzlehre, mit Restaurierungen in Schlössern
und Museumsbauten (bis 1934). Nebenher Ausbildung in der Kunstgewerbeschule
Charlottenburg (1926-29)
Ab 1934 Student an der Hochschule für Bildende
Künste, 1940 Abschluss der Meisterschule für Bildhauer.
Stilprägend waren trotz des Einflusses von Exponenten der
Nazi-Kunst die Vorbilder Lehmbruck, Barlach, Kolbe geblieben.
Im Berlin der frühen 30er Jahre ergaben
sich Freundschaften vor allem zu Schauspielern (Erich Ponto, Helmut
Brasch, Wolf Lukschy), Schriftstellern und Zeichnern (Erich Ohser
Plauen, Marcus Behmer, Hans Scholz, Günther Weisenborn, Max
Fürst). Auch ihre (ersten) Ehefrauen lernten beide Reuters
im Romanischen Cafe kennen.
1942 Militärzeit mit Unterbrechungen für
künstlerische Weiterbildung in Palermo, 1943 Exmittierung
aus der Reichskunstkammer im Gefolge einer Beziehung zu einer
„nichtarischen“ Berlinerin und Geburt eines gemeinsamen
Sohnes, (der hier als Autor fungiert) und dauerhafte Versetzung
an die Front (Italien).
1945 Rückkehr aus amerikanischer Gefangenschaft
und Übernahme eines Ateliers im sowjetisch besetzten Dresden,
die von Erich Ponto vermittelt wurde, dem 1947 das erste einer
langen Reihe folgender Schauspielerporträts gewidmet wurde.
1949 Rückkehr nach Berlin (in den Westteil). Ausstellung
in der Ostberliner Galerie Franz.
1952 Erster Preis zum Entwurf eines Denkmals
der Opfer der Luftbrücke, welcher anschliessend heftig kritisiert
wurde („nicht abstrakt genug“). Ausgeführt wurde
der zweite Preis (die abstrakt-symbolische „Hungerkralle“).
Berufung zum ordentlichen Professor am Lehrstuhl
für Plastisches Gestalten der Technischen Universität
Berlin. Diese Abteilung diente, einzigartig in Deutschland, der
Ausbildung der Architekten und war nicht unumstritten in ihrer
Vorstellung einer Ästhetisierung von vorrangig dem Wohnen
und Arbeiten dienenden Baukörpern auf die Ansprüche
hin, die an ein plastisches Kunstwerk gestellt werden. Auch befand
sich dieser Lehrstuhl samt seinem Inhaber in einem Widerspruch
zu den etablierten Vertretern der Moderne, die dort lehrten, wo
üblicherweise eine Ausbildung von Bildhauern ja auch stattfindet,
an der Hochschule für Bildende Künste. Auch Reuter hätte
gut dort hingepasst, als Bereicherung und als Gegenpol. Die TU
hält jedoch an ihrem eigenwilligen Ordinarius fest, bis sie
ihn 1978 emeritiert, mit der Etikettierung eines „Nestors
der deutschen Bildhauerkunst“.
1953 Erster Preis des Verbandes der deutschen
Kunstkritiker, obwohl Reuter andere Wege geht als der Mainstream.
Manchen Zeitgenossen in den Feuilletons beschäftigt die Frage,
welche „Stufe der Abstraktion“ ein Künstler erreichen
muss, damit sein Werk überhaupt Wertschätzung verdienen
darf. Andere sehen in Reuters Verzicht, sich modischen Trends
in Richtung zur reinen „Abstrakten Kunst“ anzuschliessen,
ein Zeichen einer bodenständigen Selbstsicherheit oder einer
frühen Gereiftheit. Überraschenderweise wendet sich
Reuter in reiferen Jahren doch noch „den Abstrakten“
zu. Sinnentleerte, rein formalistisch konzipierte Gebilde bleiben
ihm dabei weiterhin fremd.
Im gleichen Jahre fand der vom British Council
ausgerichtete Weltwettbewerb für ein „Denkmal für
den Unbekannten Politischen Gefangenen“ statt, bei dem erstmals
nach dem Kriege unter den 3.500 Teilnehmern auch Künstler
aus Deutschland zugelassen waren. Reuters Einsendung (als einige
der wenigen Einsendungen rein figürlich) wurde in der Tate
Gallery ausgestellt, und er gelangte in den Rang eines international
wahrgenommenen Künstlers.
Es folgten zahreiche Auftragsarbeiten für
den öffentlichen Raum, von denen einige preisgekrönt
wurden. Unter anderem Arbeiten für Neubauten der Botschaftsgebäude
in Rio de Janeiro, Lagos
und Washington, für die
Universitäten Münster
und Kiel, für das VW-Werk
in Wolfsburg, für die Siemenswerke
in Berlin und Erlangen
und weitere Konzerne in Hamburg und in der Schweiz. Ein Denkmal
für Conrad Röntgen in Gießen.
Figürliche Arbeiten in Wohnanlagen in Berlin,
Bonn, Erlangen
und Düsseldorf.
Das 13 Meter breite Bronzerelief „Gegensätzliche
Strukturen“ wird als repräsentativ für die deutsche
Bildhauerei der Gegenwart befunden und zur Weltausstellung
nach Montreal verschifft.
Hingewiesen werden muss auf die Schauspielerporträts
für das Schillertheater Berlin:
Ernst Deutsch (1951) Franz Stein (1954), Wolfgang Goetz, Jürgen
Fehling (1955) Werner Krauss (1956) Fritz Kortner (1957) Walter
Frank (1959) Martin Held, Mario Adorf (1960).
Das Porträt des legendären Berliner
Regierenden Bürgermeisters und Namensvetters steht seit 1989
im Empfangsbereich des Roten Rathauses.
Vom Club der Filmjournalisten Stiftung des Ernst-Lubitsch-Preises
für Lustspielfilme, eine von Reuter geschaffene bronzene
Pan-Statuette, die jedes Jahr verliehen wird.
1966-68 Gastprofessur an der Technischen Universität
Istanbul als Nachfolger des
Kubisten Rudolf Belling. Dort entsteht eine Vielzahl kleiner und
größerer Bronzereliefs mit dem Thema „Landschaften
Anatoliens“, die 1968 in Istanbul ausgestellt werden.
Für die Neugestaltung des Senders
Freies Berlin (heute RBB) wird im Foyer eines dieser Reliefs
im Großformat angebracht, das seitdem als willkommene Kulisse
für TV-Interviews des Senders dient, ferner stehen dort zwei
weitere größere Skulpturen („Das Gespräch“
und „Der Geist weht, wo er will“).
Von Hans Scharoun, dem Schöpfer der Neubauten
für die Berliner Philharmonie
und die Staatsbibliothek kamen Aufträge für die Gestaltung
der Fußböden in beträchtlichen Dimensionen.
Anlässlich meherer Exkursionen zu den Grabungsstätten
der Maya-Kultur in Mexiko entstand
eine hiervon inspirierte Skulptur, „Das Mädchen von
Yucatan", die 2006 einen ehrenvollen Platz im Skulpturenpark
des Berliner Auguste-Viktoria-Klinikums fand.
An der Grabplatte des Schriftstellers Marek
(C. W. Ceram) auf dem Friedhof Ohlstorf
sitzt ein Jüngling, der ein Buch liest (der gleiche, der
auch am Rathaus im schwäbischen Schorndorf liest, ein dritter
wohl noch im Verlagsgebäude Gruner und Jahr).
Eines der letzten großen Werke Reuters
wurde der „Sterbende Pegasus“, der auf einem Platz
in Bremgarten bei Zürich
steht.
Der eingefleischte und umtriebige Metropolenbewohner
zog sich zuletzt nach Holstein aufs Land zurück, wo er 1997
verstarb. Auch Reuters Grabhügel in Altenkrempe ziert ein
bronzener Jüngling, der einfach nur so daliegt und in die
Sonne blinzelt.
Andreas Karpen
im Herbst 2009 |